Wie ihr ja wisst, bin ich von Kindesbeinen an mit dem Wandervirus infiziert. Daher führte mich mein erster Sommerurlaub ohne Eltern im Alter von 17 Jahren natürlich auch in die Alpen: Zusammen mit meiner besten Freundin ging es zwei Wochen ins Zillertal. Dort hat es uns so gut gefallen, dass wir auch in den kommenden beiden Sommern dort Urlaub gemacht haben. Immer im Blick (vor allem von unserem Balkon aus) hatten wir dabei die Ahornspitze. Diese thront hoch über Mayrhofen und knackt mit ihren 2.970 Metern fast die magische 3.000er-Grenze. Da sie sich deutlich von ihrer Umgebung abhebt, gilt die Ahornspitze als fantastischer Ausflugsgipfel. Somit verwundert es nicht, dass wir sie damals schnell als Gipfelziel auswählten.

Doch aus verschiedenen Gründen erreichten wir den höchsten Punkt nie. Mal hinderte uns der Altschnee im Juni, mal waren es gesundheitliche Gründe. Die Besteigung der Ahornspitze blieb somit ein unerfüllter Traum, auch wenn wir zumindest einmal erst relativ knapp unterhalb des Gipfels umdrehen mussten.
Mehr als 20 Jahre später machten wir uns erneut auf den Weg: Zu unseren 40. Geburtstagen folgten wir den Spuren unserer Jugend und fuhren wie damals mit dem Zug ins Zillertal. Die erste Nacht verbrachten wir im Neuwirt in Schwendau, der auch früher immer unser Urlaubsdomizil war. Dort entdeckten wir im Gästebuch sogar ein altes Foto von uns während einer Trachtenmodenschau.

Am nächsten Tag liefen wir von Schwendau aus ganz gemütlich bis zur Talstation der Ahornbahn, die uns hinauf auf knapp 2.000 Meter Höhe brachte. Leider hüllte sich oben alles in dicke Wolken, sodass wir nur ein paar Meter weit schauen konnten. Trotzdem machten wir uns gut gelaunt auf den Weg zur Edelhütte, die uns als Stützpunkt für die nächsten zwei Tage dienen sollte. Leider änderte sich am Wetter nichts, wir konnten die Umgebung mehr erahnen, als sie wirklich zu sehen.

Auch am nächsten Morgen war es nicht viel besser. Trotzdem schulterten wir unseren Rucksack und machten uns optimistisch auf in Richtung Gipfel. Stück für Stück kamen wir voran und erreichten schließlich den Gipfelgrat, der mit einem langen Schwenk nach links schließlich zur höchsten Stelle führt. Was soll ich euch sagen!? Das letzte Stück bis zum Gipfel war uns erneut nicht vergönnt. Die Wolken zogen sich wieder dichter zusammen und nach den ersten ausgesetzten Stellen beschlossen wir schweren Herzens, es ist nicht auf Teufel komm‘ raus zu versuchen. Gesehen hätten wir am Gipfel sowieso nichts und Vernunft sowie Sicherheit gehen am Berg einfach vor. Immerhin: Soweit wie dieses Mal waren wir noch nie gekommen. Nach einer kurzen Rast stiegen wir also wieder hinab zur Hütte und spielten den restlichen Tag eine Partie Turbo-Kniffel nach der nächsten. Zwischendurch versuchten wir noch einen kleinen Ausflug zu einer ausgeschilderten „schönen Aussicht“, aber auch hier war an diesem Tag nichts zu sehen.

Am Tag unseres Abstiegs war dann plötzlich bestes Bergwetter. Aber nun war die Ahornspitze zeitlich leider nicht mehr drin, denn wir mussten ja den gebuchten Zug zurück in die Heimat bekommen. Stattdessen stiegen wir auf dem Weg zurück zur Ahornbahn noch auf den Filzenkogel. So hatten wir immerhin einen kleinen Gipfelerfolg zu verzeichnen und konnten das tolle Panorama ausgiebig von dort genießen. Und die Ahornspitze? Die läuft uns ja nicht weg, wahrscheinlich nehmen wir zu unseren 45. Geburtstagen einen neuen Anlauf.
